Lehrer wegen Freiheitsberaubung verurteilt - Fall des Monats 10/2016

Stellt sich ein Lehrer in die Tür und verhindert so, dass seine Schüler nach Unterrichtsschluss das Klassenzimmer verlassen können, so handelt es sich dabei um Freiheitsberaubung. Das entschied das Amtsgericht Neuss. Einen leichten Stoß in den Bauch eines Schülers wertete es dabei nicht als Körperverletzung.

Beschreibung

Da dem Musiklehrer einer Realschulklasse in Kaarsten der Unterricht zu unruhig wurde, entschied er, der Situation mit einer Strafarbeit Herr zu werden. Er ließ seine Schüler einen Wikipedia-Eintrag über den Geiger und Komponisten Paganini abschreiben. Nur wer bis zum Ende der Stunde damit komplett fertig war, durfte das Zimmer auch verlassen. Um sicherzugehen, dass kein Schüler unerlaubt gehen konnte, setzte er sich mit seiner Gitarre vor die Tür. Dabei ließ er sich von jedem, der den Raum verlassen wollte, den abgeschriebenen Artikel zeigen. Als ein Schüler schließlich versuchte, sich an dem Lehrer vorbeizudrücken, schlug ihm der Pädagoge leicht in den Bauch. Daraufhin verständigten Schüler die Polizei, die die Situation auflöste. Einige Eltern zeigten den Lehrer daraufhin wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung an.

Die Entscheidung des Gerichts

Das Amtsgericht Neuss schloss sich der Meinung der Eltern an. Auch wenn das Gericht vollstes Verständnis für den Versuch, die Lage im Klassenzimmer in den Griff zu bekommen, zeigte, so sei der Lehrer hier zu weit gegangen. Schließlich war die Unterrichtsstunde bereits zu Ende und trotzdem durften einige Schüler das Zimmer nicht verlassen. „Das Verhalten des Lehrers geht über eine erlaubte und angebrachte disziplinarische Maßnahme weit hinaus“, erklärt Rechtsanwältin Ellen Bähr. Das Gericht verurteilte den Pädagogen schließlich dazu, innerhalb eines Jahres eine Fortbildung zum Umgang mit schwierigen Schülern zu belegen. Tue er dies nicht, so sei eine Geldstrafe von 1.000 Euro fällig.

Vom Tisch ist allerdings der Vorwurf der Körperverletzung. Denn der leichte Schlag in die Magengegend des Schülers habe kaum Schmerzen verursacht. Von einer Körperverletzung könne daher keine Rede sein, entschied das Gericht.

Noch mehr Fälle des Monats

In Kooperation mit

Deutsche Anwaltshotline

Der "Fall des Monats" wird angeboten in Zusammenarbeit mit der Deutschen Anwaltshotline.

Autor
Portrait von Deutsche Anwaltshotline Deutsche Anwaltshotline

Zum Autoren-Profil